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Geschrieben von: Caspar Krogbeumker   
Freitag, den 07. Mai 2010 um 07:27 Uhr

Über viele Jahrhunderte war die Geschichte der Beckumer Schützengilde eng mit der Stadtgeschichte verbunden. Nur wenige archivalische Nachrichten sind von der mittelalterlichen Schützenbruderschaft erhalten, die der heutigen Schützengilde St. Sebastian vorausgeht. Die wichtigsten Zeugnisse sind die ehemaligen Befestigungswerke der Stadt, die heute nur in wenigen, aber dafür um so wichtigeren Resten erhalten sind. Der Stadtgrundriß, der noch immer den Verlauf der ehemaligen Stadtmauer und der Wälle wiedergibt, ist das größte erhaltene Dokument über das Wirken und die Funktion der alten Schützen. Um deren Bedeutung für die mittelalterliche Stadt zu erläutern, ist ein kurzer Exkurs in die Geschichte vonnöten, bevor mit dem Jahr 1924 die eigentliche Chronik der Schützengilde St. Sebastian einsetzt.

 Büstenreliquiar des hl. Sebastian, Linde, H 111 cm, aus dem Umkreis des Münsteraner Bildschnitzers Johann Mauritz Gröninger. Ursprünglich in der Stephanuskirche, jetzt

Gilden als genossenschaftliche Vereinigungen sind in den germanischen Ländern und in Nordfriesland seit dem 8. Jahrhundert nachweisbar. Als Gefahren- oder Notgemeinschaften dienten sie vorrangig dem gegenseitigen Schutz bei Gefahr und der Unterstützung bei Unglücksfällen. Oftmals hatten die Gilden zugleich einen religiösen Charakter und nicht zuletzt dienten sie auch zur Pflege der Geselligkeit. Früh unterschieden sich in den Gilden religiöse und weltliche Funktionen, doch häufig waren beide Bereiche untrennbar miteinander verbunden. Die berufliche Spezialisierung einzelner Gilden kam erst allmählich im Verlauf des Hoch- und Spätmittelalters auf, wobei die Handwerkergilden - allgemein Zünfte genannt und speziell in Beckum als Bruderschaften oder Ämter bezeichnet - eine besondere Bedeutung erlangten.

 

Mit Beginn der dörflichen und städtischen Siedlungsformen trat die Notwendigkeit ein, die Orte und die darin lebenden Einwohner mitsamt dem Vieh, den Vorräten und allen Handelsgütern vor Raub oder Überfall zu schützen. Palisaden, Planken-befestigungen, Wälle und Gräben umgaben die Orte bereits früh. Doch erst der Bau steinerner Befestigungsanlagen bot ausreichenden Schutz vor Angreifern. Um diese zu errichten, bedurfte es der Erlaubnis des Landesherrn. Jede Stadtmauer zeugt also auch von der Gunst und dem Wohlwollen des Landesherrn gegenüber einer Stadt. Sollten die Verteidigungsanlagen wirksam sein, mußten sie stets auf dem neuesten Stand der Kriegskunst gehalten werden. Der Bau einer Stadtmauer und ihre Instandhaltung stellten für viele Jahrhunderte die größte finanzielle Aufgabe der Städte dar. Die überlieferten Kämmereiaufstellungen vieler Städte geben noch heute Auskunft über die enormen finanziellen Anstrengungen. Dem Bauvolumen nach war die Stadtbefestigung die größte, kollektiv durchgeführte Bauaufgabe der mittelalterlichen Stadt. In Beckum bestanden die Befestigungen aus Mauer, 22 Wehrtürmen, vorgezogenen Schanzen an den Stadttoren und einer doppelten Wallanlage. Sie wurden unter Bischof Gerhard von Münster (1261-1272) vollendet. 

 

Zur Verteidigung der Stadt mit Waffen und zum Wach- und Schanzdienst war jeder Bürger verpflichtet. Die vornehmen Bürger, die Patrizier, hatten zu Roß zu dienen. Die Handwerker traten nach ihren Gilden geordnet an und erhielten einzelne Abschnitte der Stadtmauer zur Verteidigung, aber auch zur Instandhaltung, zugewiesen. Aus dem Jahr 1320 stammt in Beckum die älteste Nachricht von Nachtwachen, die zum Schutz der Stadt eingesetzt waren. Häufig wurden die entsprechenden Abschnitte der Mauer nach den Handwerkergilden benannt. So gab es in Beckum die Kramerschanze, den Riemenschneiderwall, den Schmiedewall, die Bäckerschanze, die Wollnerschanze, die Schneiderschanze und die Fleischhauerschanze. Der Name Schüttenweg (Schützenweg) am 1456 erstmals erwähnten schuttewal (Schützenwall) hat sich bis heute erhalten. In den Jahren 1591-92 setzte das Krameramt seine Schanze und das Rondell an der Nordpforte auf eigene Kosten instand. Größere Orte heuerten Soldaten an, oft zum eigenen finanziellen Ruin. Daher wurden nach niederländischem Vorbild oftmals kleine, freiwillige Schützentrupps gebildet, die aus den Söhnen vornehmer Bürger ausgewählt wurden. Diese Schützen schlossen sich zu Bruderschaften zusammen, häufig wurde der hl. Sebastian ihr Patron.

 

 

Sebastian war ein römischer Offizier der kaiserlichen Garde, der durch die Pfeile seiner eigenen Soldaten sein Martyrium erlitten hatte. Sebastian sollte vor Verwundungen durch Pfeile schützen. Jahrhunderte hindurch gehörte die Armbrust zur Standardwaffe der Bürgerwehren. Zugleich zeigte der hl. Sebastian, daß der Berufsstand des kriegerischen Soldaten durchaus mit einem guten Christenleben zu vereinbaren war.

Die Bedeutung des hl. Sebastian für Beckum ist auch daran ersichtlich, daß er gleichermaßen Patron von Kirche und Ort ist. Ursprünglich war dies der hl. Stephanus allein, wie noch das Stadtsiegel von 1248 zeigt. Aber mit der Verleihung der Stadtrechte 1224 und dem wachsenden Wohlstand der Stadt im 13. Jahrhundert ging auch der Bau der Stadtmauer einher, zu deren Verteidigung es einer gut organisierten Schützengilde bedurfte. Seit dieser Zeit wird man sich auch eine Schützenbruderschaft unter dem Patronat des hl. Sebastian vorstellen können. Die Inschrift des um 1230 entstandenen Prudentiaschreines nennt bereits seine Reliquien, die in Beckum verehrt wurden.

Durch gezielte Gebietsankäufe war es Beckum bereits im Verlauf des 11. Jahrhunderts gelungen, umliegende Ländereien anzukaufen und so die Beckumer Feldmark entstehen zu lassen, die mit ca. 2.200 ha die der anderen Städte des Münsterlandes an Größe übertraf. Als zentraler Marktort profitierte Beckum in besonderem Maße von den in der Feldmark erzeugten landwirtschaftlichen Produkten.

Auch die Feldmark mußte vor unliebsamen Eindringlingen geschützt werden. Sie wurde mit einer Landwehr von 18 km Länge und teilweise dreifacher Wallanlage umgeben. Die Landwehren bestanden aus dichten Hecken und Verhauen und sollten dem Feind die unvermutete Annäherung erschweren und vor allem das in der Feldmark weidende Vieh schützen. Von zwei Warttürmen (Hammwarte, Soestwarte) aus konnte das Terrain nach Süden eingesehen werden. Auch die Schutzbedürftigkeit war eine Folge des kommunalen Reichtums. Der parallel zu verzeichnende Anstieg der Bevölkerung und der Zuzug neuer Einwohner vor allem aus kirchlichen Abhängigkeiten („Stadtluft macht frei!“) ließen die ehemals kleine Ansiedlung zu einem größeren Gemeinwesen von etwa 2.000 Einwohnern anwachsen. Die gestiegene Einwohnerzahl und der wirtschaftliche Wohlstand drücken sich auch in den verschiedenen Neubauten der Stephanuskirche im 11. und 12. Jahrhundert aus.

Das erwachte städtische Selbstbewußtsein wird auch an der Stadtverfassung greifbar. Im Jahre 1269 und in Ergänzungen im Jahr 1293 erhält Beckum dieselben Rechte wie die Stadt Münster. Der neue und mit Stolz empfundene Rechtsstatus als Stadt, der weitreichende Freiheiten gegenüber dem Landesherrn beinhaltete (freie Ratswahl, niedere Gerichtsbarkeit, Steuereinnahmen etc.), wurde durch das Führen eines Stadtwappens und eines Stadtsiegels öffentlich ausgedrückt.

Deutlicher aber als diese heraldischen Zeugnisse und vor allem sichtbarer für jeden Bürger oder Reisenden drückte sich die freie Rechtsstellung der Stadt durch den Bau der Stadtmauer aus, die das Rechtsgebiet der Stadt als klare Grenze von dem des umliegenden Landes trennte. Diese Mauer besaß nur 4 Tore, so daß jeder Zutritt zum Rechtsgebiet der Stadt kontrolliert und geregelt werden konnte. Dies betraf vor allem Reisende (vom Händler bis zu sozialen Randgruppen der mittelalterlichen Gesellschaft) und Waren. Vermutlich war jedem Tor ein Torhaus zugeordnet, worin der Torwärter seine kontrollierende Aufgabe wahrnehmen konnte. Erhalten ist nur das Südtorhaus an der Südstraße, das 1770 auch urkundlich erwähnt wird (seit 1912 als Schmiede und seit 1997 als Verkaufsraum genutzt).

Zu den Diensten in den Torhäusern wurden auch die Schützen herangezogen. Denn deren Aufgaben waren nicht allein militärischer Art. In den langen Friedensperioden übernahmen die Schützen auch Polizeiaufgaben, vor allem in der Feldmark. Zu ihren Pflichten gehörten u.a. die Beaufsichtigung der Landwehren, die Beschlagnahme von unberechtigt weidendem Vieh, das Eintreiben fälliger Strafgelder, die Vagabundenjagd sowie die Arrestierung und der Transport von Verurteilten. Von der Ahlener Schützenbruderschaft wissen wir, daß ihr diese Pflichten und Rechte noch im Jahre 1800 von der fürstbischöflichen Regierung in Münster zugesprochen wurden. Erst 1825 übernahmen preußische Polizeidiener diese Aufgaben.

Nach Rotten geordnet wurden die Schützen zu den Wachen eingeteilt, und zwar nicht uff den Wällen, sondern binnen der Stadt unden oder oben uff den Pforten, die Schauwacht und die Schildwacht uff den beigelegenen Schilderhäuslein. Die Ausrichtung der Tore entsprach bei vielen Städten nicht allein militärischen oder topographischen Anforderungen, sondern symbolisierte zugleich eine höhere, kosmische Weltordnung, die am Beispiel der eigenen Stadt veranschaulicht wurde. Diese kosmische d.h. von Gott gegebene Ordnung wird z.B. auch an der Benennung der Stadttore deutlich, die sich am damals bekannten Aufbau des Himmelsgewölbes orientiert. Die städtischen Urkunden sprechen von der porta australis (Südtor), der porta occidentalis (Westtor) und der porta septentrionalis oder aquilonaris (Nordtor).

Die Stadtmauer und die zu ihrer Verteidigung bereiten Schützen sind sichtbarster Ausdruck der Rechtsfreiheit einer Stadt. In Urkunden des 13./14. Jahrhunderts wird ausdrücklich und mit Stolz unterschieden, ob sich die verschiedenen Geschehnisse intra muros (innerhalb der Mauern) oder lediglich intra plancos (innerhalb der Palisaden) abgespielt haben. Dieser Symbolcharakter der Mauer, der zugleich Ausdruck eines selbstbewußten Bürgerstolzes ist, muß bei vielen mittelalterlichen Städten höher bewertet werden als der militärische Nutzen, der sich aufgrund der im Verlauf des Mittelalters geänderten Waffentechnik und zumal bei Städten in der Ebene häufig als gering erwies. Viele Anbauten an die Stadttore wie Erker, Zinnen usw. hatten neben ihrer militärischen Funktion oftmals einen rein repräsentativen Charakter.

Mit dem Aufkommen erster Geschütze seit dem 15. Jahrhundert mußte der Verteidigungsraum der Städte weit nach außen und dem Feind entgegen geschoben werden. Der Wandel der Waffentechnik hatte einen Wandel der Verteidigungstechnik zur Folge. Die Beobachtungs- und Lichtschlitze der Stadtmauer und der Türme wurden zu Schießscharten erweitert. Die Schützen ihrerseits mußten den Umgang mit den Feuerwaffen lernen. Viele Waffen waren auch für den Benutzer gefährlich, wie zum Beispiel die weit verbreiteten Haken: Geschützbüchsen, die aus Schutz vor dem enormen Rückschlag eiserne Haken besaßen, die in die Brüstung der Mauern eingehängt wurden.

Jährlich an ihrem Festtag traten die Schützenbruderschaften der Städte zusammen, um den besten Schützen zu ermitteln. Geschossen wurde mit der Armbrust auf Scheiben oder auf hölzerne Vögel, die sogenannten Papageien, die außerhalb der Stadt auf einfache Holzgestelle angebracht wurden. Der zunächst rein sportliche Wettkampf wurde mit Aufkommen der ersten Handfeuerwaffen ab dem 14./15. Jahrhundert zu einer wirklichen Notwendigkeit, denn die Bürger waren im Umgang mit den gefährlichen Waffen wenig geübt. Doch nur wohlhabende Bürger waren mit Büchsen ausgestattet. Die Mehrzahl der Handwerker, Burschen, Arbeiter und Tagelöhner waren nur mit Spieß oder Pike bewaffnet. Der Wandel in der Waffentechnik war zugleich die Geburtsstunde der vornehmen Schützengesellschaften, die mit Stolz ihre Waffen führten und ihr Können regelmäßig unter Beweis stellten. Die Feste der Zünfte und der Schützengesellschaften waren neben den Kirchweihfesten die wenigen regelmäßigen Anlässe zu öffentlichem Tanz und Gesang.

Kam bedeutender Besuch in die Stadt, so zogen ihm die Schützen entgegen. Das Bürgerbuch von Beckum erwähnt sie im protokollarischen Rang unmittelbar nach dem Bürgermeister und dem Stadtrat. Als 1509 Bischof Erich I. von Münster Beckum besuchte, zogen ihm de schutten und de gemenen borger in eren vullen harnssche (die Schützen und die gemeinen Bürger in ihrem vollen Harnisch) entgegen. Über die Anzahl der waffenfähigen Schützen erfahren wir 1523, als Bischof Friedrich III. derselbe Empfang zuteil wurde. Etwa 200 Schützen wal gerust in erem harnssche (wohl gerüstet in ihrem Harnisch) und 30 bis 40 Reiter zogen ihm entgegen.

Das Aufkommen schwerer Feuerwaffen, die geschulten Landsknechtshaufen und die professionellen Söldnerheere ließen ab dem 16. Jahrhundert die Teilnahme der städtischen Schützen an den Feldzügen der Landesherrn bald uninteressant werden. Mehr und mehr wandelten sich die Schützenbruderschaften von einer Wehrgemeinschaft zu einer gesellschaftlichen Vereinigung, die sich neben religiösen Aufgaben auch karitativen Pflichten widmete. War aber die eigene Stadt bedroht, so erwachte der alte Wehrgeist der Gilden.

In den Notzeiten des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) hatte die Schützengilde hohe Bedeutung. Aus dem Jahr 1625 ist eine namentliche Auflistung aller Schützen erhalten, die in Rotten zu je 8 Mann eingeteilt und auf die Stadtviertel verteilt waren.Das Nordener Viertheill hatte 12 Rotten unter Waffen, das Oistener Viertheill 11 Rotten, das Suidener Viertheill 10 und das Westener Viertheill 13 Rotten, zusammen also 368 Schützen. Jeder Rottestand ein Rottmeister vor. Die Auflistung der Schützenbrüder von 1665 zeigt, daß durch die Schrecken des Krieges die Schützengilde zwar erheblichdezimiert worden war, aber immerhin noch aus 240 Schützen bestand: je 8 Rotten im Norden und Westenviertel und je 7 im Osten- und Südenviertel. Aus anderen Städten Westfalens sind Vergleichszahlen bekannt geworden.So gab es im Jahre 1520 in Ahlen 80 Schützen, 1583 in Dülmen 125 Schützen (zumeist vornehme Bürger), 1591 in Warburg 180 Schützen und 1563 und 1631 in Hamm jeweils 100 Schützen.

Die Leges und Statuta der Schützenn Bruderschaft binnen der Stadt Beckum (Regeln und Statuten) vomAugust 1639 verzeichnen die Aufgaben der Gilde, die einem Hauptmann und vier Korporalen unterstand.Dieser war dem Bürgermeister unmittelbar unterstellt. Alle Schützen werden - wie noch heute üblich - als Schützenbrüder bezeichnet.Der Kupferstich von Beckum aus Matthäus Merians Topographia Westfaliae von 1647 gibt die Befestigungswerke jener Zeit wieder.

Der Kupferstich entstand nach Vorzeichnungen des böhmischen Kupferstechers und Zeichners Wenzel Hollar (Prag 1607 - London 1677), der 1634 mehrere Städte entlang der Lippe bereiste und entsprechende Zeichnungen von ihnen anfertigte.Hollar stellt Beckum beschönigendmit noch intakten Maueranlagen dar, obwohl die Stadt nachweislich 1623 belagert, beschossen und eingenommen worden war und 1633 nach der Vertreibung hessischer Truppen durch kaiserliche Soldaten die Befestigungen von diesenbeim Abzug zerstört wurden: bei dem Auszug (wurden die) Stadtpforten und Wälle zum ersten mal verbrennet, ruiniert, destruiert und die Stadt zu Felde gelegt.

Trotz intensiver und mehrfacher Versuche gelang es nicht, den ehemaligen Verteidigungsring der Mauern intakt zu halten. Die Befestigungsanlagen Beckums blieben ungeachtet verschiedener Ausbesserungsarbeiten ein Stückwerk. Aus den Jahren um 1760 stammt eine Beschreibung der Stadt Beckum, die sich ausdrücklich mit den noch vorhandenen Befestigungsanlagen befaßt: „Die Stadt Beckum an sich selbst ist nicht groß, sie hat im Brand-Cataster vierhundertachtzehn Häuser, vier Thore, die nach den vier Winden benahmt werden, und ist rund gebauet, ehedem war die Stadt mit Wall, zwey Grabens und Mauer versehen, in den Mauern waren 22 dicke hohe Thürme, wovon etliche zum Theil noch sichtbar sind. Zwischen der West- und Südpforte noch ein Überbleibsel. Zwischen der West- und Nordpforte sind in der Mauer zwey Thürme gewesen, deren Überbleibsel noch sichtbar sind, und zwischen diesen Thürmen, welche aber nicht nahe beisammen stunden, liegt hart an der Mauer ein hoher Wall in der Stadt, auf welchem eine alte Linde steht, diesen Wall nennt man den Mühlenberg, weil ehedem darauf eine Mühle gestanden, übrigens. ...Thürme ... abgebrochen und die Steine zu Besserung der Straßen und Ausmauerung der Mistgruben verwendet worden, mit die Walle sind die Grabens gefüllet, und zu Garten gemacht, alles noch in diesem Jahrhundert geschehen. Bei jedem Thor war sonst gegen den Wall ein runder dicker steinerner Thurm, wovon jetzt noch zwei zum Teil sichtbar sind, welche zu Vertheidigung des Thors dienten. Über die erste Brücke kam man am Wall, über die zweite durch die Mauer in die Stadt.“

Zwischen 1770 und 1820 wurden die noch vorhanden Reste der Stadtbefestigung endgültig geschleift. Das Steinmaterial wurde als Fundament für Wohnhäuser oder für den Straßenbau verwendet. Noch im Urkataster von 1803/05 sind Teile des Mauerrings, Reste von Wehrtürmen und die Lage der vorgelegten Schanzeneingetragen. Zu Beginn dieses Jahrhunderts wurden bei der Ausdehnung der Bebauung über den Umfang der mittelalterlichen Stadt hinaus immer wieder Reste der alten Befestigungsanlagen entdeckt, wie z.B. 1926 am sog. Osttor und am Nordtor. Der noch heute erhaltene Wehrturm ist möglicherweise erst im 14. Jahrhundert errichtet worden. In den städtischen Akten wird er als Lannen- oder Lonnenturm bezeichnet. Ansätze der ehemaligen Stadtmauer sind noch heute am Außenbau erkennbar. Am Osttor ist noch ein kleiner Rest der vorgezogenen Schanze erkennbar.Diese Bauwerke bzw. ihre erhaltenen Reste sind heute die einzigen steinernen Zeugen der alten Schützengilde.

Nachdem die Schützen spätestens seit dem 17. Jahrhundert militärisch unbrauchbar geworden waren, sanken ihre Bedeutung und vor allem ihr Ruf im 18. und 19. Jahrhundert erheblich. Um die Beckumer Schützen 1665 zu einer Schießübung zusammenzutrommeln, mußten ihnen vier Tonnen Bier angeboten werden, damit sie sich vortan wohl einstellen und mundieren (verpflegen) sollten.Friedrich Wilhelm I. (1713-1740), der preußische Soldatenkönig,hielt das ganze Schützenwesen für eitel Müßiggang. Sein Sohn, der Alte Fritz, stand den Schützen etwas freundlicher gegenüber, konnte jedoch den allgemeinen Verfall nicht aufhalten. Die einstigen festlichen Zusammenkünfte waren überall zu mehrtägigen Saufgelagen verkommen und mußten zur Wahrung von Sitte und Anstand regelmäßig von der Obrigkeit verboten werden. In Borken dauerte 1791 der Hauptzech der Schützenbruderschaft ganze 8 Tage, wobei 24 Tonnen Bier vertrunken wurden.

Als die Franzosen im Herbst 1806die hiesigen preußischen Landesteile besetzten, erging ein allgemeiner Entwaffnungsbefehl, der den Besitz von Feuerwaffen bei hoher Strafe Verbot. Vielerorts bedeutete dies das Ende der alten Schützenbruderschaften, zum Teil in Überschätzung ihres militärischen Wertes. Andernorts hingegen suchte man die alten Schützengildenzu Bürgergarden umzufunktionieren und in den Dienst der öffentlichen Sicherheit zu stellen. Manches vormalige Schützenfest wurde verboten. Statt dessen bot man der Bevölkerung ein „Sankt-Napoleons-Fest“ an. Nach den Befreiungskriegen suchte der erste Oberpräsident der neu eingerichteten Provinz Westfalen, Freiherr von Vincke, das alte Schützenwesen wieder zu beleben, um wehrfähige junge Mannschaft in den Waffen zu üben. Über eine rein gesellschaftliche Bedeutung kamen die Schützengilden jedoch nicht hinaus.

Mit dem Wegfall der soldatischen Funktion der Schützengilden wurde ein vorheriger Nebenzweck, das Übungsschießen auf den Holzvogeloder auf die Scheibe, allmählich zum Hauptzweck und zum eigentlichen Höhepunkt des jährlichen Festes. Zur gleichen Zeit kamen auf den Sieger neue Pflichten zu, denn plötzlich hatte er anstelle der Stadt für die Verpflegung seiner Schützenbrüder aufzukommen. Ein junger Mann aus dem Beckumer Pulort, der sich finanziell nicht sonderlich gut stand, der sich aber dennoch fleißig am Vogelschießen beteiligte und 1854 sogar König wurde, erhielt den Spitznamen „Vugelkünink“,den er bis zu seinem Lebensende beibehielt. Manchmal weisen noch alte Flurnamen auf den Ort des Schießens hin, wie zum Beispiel in Beckum der sogenannte Vogeldreisch.

Mit dem Fortschreiten der Industrialisierung und dem Entstehen unterschiedlicher sozialer Schichtungen im Verlauf des 19. Jahrhunderts entstand der Wunsch nach gesonderten Schützengesellschaften. Die vornehmen Bürger, die Kaufleute, die Handwerker, die Arbeiter, die Junggesellen, die einzelnen Kirchspiele und die Bauerschaften, sie alle wollten unter sich eigene Schützenfeste abhalten. Auch wurden etliche kleine Privatschützenfeste mit Königsschießen in kleinem Kreis gefeiert, wie zum Beispiel im Juni 1843 das Schützenfest des Stephan Mersmann in Beckum auf dem Höckensberge (Höxberg). Schützenfeste waren zu dieser Zeit nicht an Vereine gebunden, sondern konnten von jedermann, zumeist von Gastwirten oder anderen interessierten Personen, als private Vergnügungsfeiern, als Geburtstags- oder Sommerfest, angeboten werden. Die Gründung eines regelrechten Schützenvereins hingegen mußte von der Obrigkeit genehmigt werden, was vielerorts unterblieb, da die Schützenfeste in deren Augen nur „Saufgelage und allergemeinste Tänzereien“ waren.

Dabei hat der alte Brauch des gemeinsamen Bierverzehrs und die teilweise Besoldung der Schützen durch Bier im Mittelalter eigentlich eine völlig andere Bedeutung. Er entstand in einer Zeit, als Bier nicht ein Genußmittel war, wie wir Heutigen es schätzen, sondern ein normales Nahrungsmittel. Bier oder Koit, wie es oft genannt wurde, war ein nur leicht alkoholhaltiges, meist säuerlich-bitteres Getränk und normaler Bestandteil der täglichen Nahrung. Es sollte nicht schmecken, sondern satt machen und nur deshalb wurde es als Besoldung akzeptiert. Häufig oblag der Hausfrau das Bierbrauen, wie auch die Herstellung anderer Nahrungsmittel durch Backen und Kochen. Vor allem im 17. und 18. Jahrhundert war Bier ein wichtiger Ersatz für das nicht immer genießbare Trinkwasser. Die alkoholische Gärung diente nicht dem berauschenden Genuß, sondern der Mehrung des Kaloriengehaltes, der Desinfektion und der Konservierung des Getränkes. Nicht umsonst entstanden die süddeutschen Starkbiere oftmals in den Klöstern, um die Mönche überhaupt durch die Fastenzeit zu bringen. Der frühere Konsum von Bier wurde im 19. Jahrhundert gern fehlgedeutet.In Fortsetzung der falsch verstandenen alten Sitten glaubte man, es den Altvorderen auch auf dem Gebiet des Trinkens nachtun zu sollen.Manches sogenannte Schützenfest bot willkommenen Anlaß, sich unter dem Deckmantel der Brauchtumspflege unter Gleichgesinnten zu betrinken.

Insgesamt widersprach das vergnügungssüchtige und selbstgenügsame Schützenwesen dieser Art den strengen, puritanisch-preußischen Ansichten des 19. Jahrhunderts. Fast alle Formen des geselligen Vergnügens, wie zum Beispiel auch der Karneval, galten damals als anstößig,unschicklich und pöbelhaft.Um die aus früherer Zeit übernommene Verschwendungssucht in den Griff zu bekommen, wurden vielerorts Mäßigkeitszirkel, Enthaltsamkeitsvereine und andere tugendhafte Einrichtungen gegründet. Kirche, Staat und Gesellschaft teilten das gemeinsame Bestreben, hierdurch größere Armut zu lindern und die soziale Verelendung breiter Volksschichten zu verhindern. Diese ernsten Bestrebungen wurden durch das üppige Schützengepränge unterlaufen, dem jeglicher Sinn abhanden gekommen war. In den Hungerjahren 1846/47 entfielen fast sämtliche Schützenfeste, sei es auf dem Verordnungswege oder angesichts des großen Elends.

Im Revolutionsjahr 1848 kam es in Beckum zur Gründung eines neuen Schützenvereins. Er führte die Farben Schwarz-Rot-Gold und feierte am 21. August 1848 sein erstes Schützenfest auf dem Höxberg: „Zur zahlreichen Theilnahme wird um so mehr eingeladen, als gerade diese echt deutschen Volksfeste es waren, welche schon in grauer Zeit den kriegerischen Geist belebten und die Vaterlandsliebe befestigten.“ Aufgrund verschiedener Querelen (mehrfacher Wechsel der Lokale, Konkurrenz unter den Festwirten) hielt sich der Verein nur bis 1857 und konnte nicht wieder zu neuem Leben erweckt werden.Vielerorts verloren die Bürger mehr und mehr das Interesse an den Schützenfeierlichkeiten. So war es an den Wirten, ihren Gästen Schützenfeste anzubieten. Diese Geschäftstüchtigkeit wurde zwar von der Obrigkeit beklagt, aber immerhin blieben die Schützenfeste auf diesem Wege wenigstens im Gedächtnis der Öffentlichkeit erhalten. Im Jahre 1858 monierte der Beckumer Landrat die zunehmende Kommerzialisierung der Schützenfeste und berichtet von dem eingerissenen Unfug, daß fast jeder Schänkwirt im Laufe des Sommers wenigstens ein Schützenfest veranstaltete. Wenige Jahre zuvor war ihm dies Anlaß, den Oeldern ihr Schützenfest zu verbieten: „Wie hochstrebend nämlich auch die Phrasen der Statuten von Brüderlichkeit und Einigkeit sein mögen, so läuft doch der ganze Zweck endlich auf die Spekulation eines Wirtes hinaus, welcher die Gelegenheit benutzen will, um Wein und Bier in reichem Maße und zu hohen Preisen zu verschänken.“ Die Behörden lehnten die Feiern auch deswegen ab, weil in der Tat mancher brave Familienvater sein sauer verdientes Geld innerhalb kürzester Zeit verpraßte und mitsamt seiner Familie fortan für Jahre der städtischen Armenfürsorge zur Last fiel.

Der Sieg über Frankreich 1870/71 und das Erstarken des deutschen Nationalgefühls bescherte den wenigen noch vorhandenen Schützengesellschaften kurioserweise zunächst einen weiteren Niedergang. Die meisten Schützengesellschaften gingen nämlich in den überall gegründeten Kriegervereinen auf. Hier konnten endlich wieder die soldatischen Traditionen des Schützenwesens gepflegt und mit zeitgemäßen Formen zum Ausdruck gebracht werden. Nachdem aber der Nationalstolz der Gründerjahre und die patriotischen Hurra-Rufe in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs zum Erliegen gekommen waren, lösten sich vielerorts die Kriegervereine auf. Damit bestanden dann auch keine Schützenvereine mehr. Die Schmach der Niederlage, die territoriale Verkleinerung Deutschlands und der als Diktat empfundene Vertrag von Versailles waren nicht das Umfeld für großspurigen Patriotismus. Erst nach den Wirren des Kriegsendes und nach der Zeit revolutionärer Unruhe und den Jahren der Inflation erwachten wieder vaterländische Gefühle.Sie orientierten sich jedoch weniger an den aktuellen Problemen der Zeit, sondern eher an der ruhmreichen nationalen Vergangenheit vor dem Weltkrieg. Vor allem die eigene Region rückte in den Mittelpunkt des Interesses. Dies war die Geburtsstunde zahlreicher Heimat-, Geschichts- und Altertumsvereine.

Die 1924 begangene 700-Jahr-Feier der Stadt Beckum bot den geeigneten Rahmen, die jahrhundertealte Schützentradition im Ort wieder aufleben zu lassen. An Ost-, Westund Nordtor wurden aus Holz die mittelalterlichen Stadttürme rekonstruiert; eine Stadtwache mit Stadtkommandanten wurde ins Leben gerufen. Die alte Institution der Stadtverteidiger und besonders ihre schöne Tracht nach mittelalterlichem Vorbild ließen den Wunsch nach einer Schützengilde  aufkommen, die alle Bürger der Stadt ohne Ansehen von Herkunft oder Stand vereinte. Zwar bestanden in Beckum bereits seit 1912 die Gewerbeschützengesellschaft (heute Bürger-schützen) und die Arbeiterschützen und im Kirchspiel die Schützenvereine Werse (seit 1826) und Unterberg (seit 1922), doch wurde der ausdrückliche Wunsch geäußert, über diese beruflich organisierten Vereine hinaus eine Schützengilde zu gründen, die gleichgesinnte Bürger aus allen Bevölkerungsschichten ohne Rücksicht auf Herkommen, Religion und Beruf unter der neuen Schützenfahne vereine und dadurch zur Überwindung der Klassengegensätze beitrage, ein neues Bruderschaftsverhältnis schaffe und das Heimat- und Nationalbewußtsein stärke. Zugleich hoffte man, durch die Gründung eines solchen Vereins in den Genuß eines jährlichen Volksfestes zu kommen, das wie die soeben begangene 700-Jahr-Feier die Heimatverbundenheit und den Gemeinsinn pflegt.

 

Die in Umlauf gebrachten Listen füllten sich rasch und so konnte sich die neue Schützengilde am 10.12.1924 im damaligen Hotel „Zum goldenen Engel“ auf der Nordstraße konstituieren. Die Versammlung wurde vom Stadtverordnetenvorsteher, Gärtnermeister Severin, geleitet. Nach einem einführenden Vortrag von Herrn Ahlke, Altertumsforscher und Pädagoge, über die Tradition des alten Schützenwesens in Beckum, wurde ein vorläufiger Vorstand gewählt, dem Kreismedizinalrat Dr. Heyne als Vorsitzender, Stadtsekretär Josephs als Schriftführer und Albert Stein als Rechnungsführer angehörten. Einmütig wurde der Wunsch geäußert, die neue Schützengilde in Anlehnung an die alte Tradition wieder dem Patronat des hl. Sebastian zu unterstellen.

 

Die Beckumer Volks-Zeitung berichtet: Gestern abend vollzog sich im großen Saale des Hotels „Zum goldenen Engel“ die Konstituierung der „St. Sebastian-Schützengilde“. Der Gedanke, diese Gilde, deren Anfänge bereits auf das 12. Jahrhundert zurückgehen und die in allen Jahrhunderten so viel Gutes für die Beckumer Bürgerschaft geleistet hat, wieder neu erstehen zu lassen, ist bekanntlich anläßlich der 700-Jahrfeier aufgekommen. Nachdem dieses Stadtfest, dessen glänzender Verlauf nur eine Stimme des Lobes ist, dem Gemein- und Bürgersinn das beste Zeugnis ausgestellt hatte, zeigten sich Bestrebungen, die darauf hinausliefen, jedes Jahr ein Volksfest zu feiern, um auf diesem Wege Heimatliebe und Gemeinsinn zu pflegen. ... Welch großem Interesse dieser Plan begegnet, bewies auch der starke Besuch der gestrigen Veranstaltung, die Stadtverordneten-Vorsteher Severin leitete. Er begrüßte die Erschienenen und machte sie kurz mit dem Zwecke der Versammlung bekannt, indem er ausdrücklich betonte, daß es sich bei der Konstituierung der Schützengilde nicht um eine Neugründung, sondern um das Wiederaufleben der altenSt. Sebastian-Schützengilde handle. Der Zweck der Gilde sei, einmal im Jahre die gesamte Einwohnerschaft ohne Unterschied des Standes, der Partei und der Konfession zu einem großen Volksfeste zu vereinen. Lehrer Ahlke nahm das Wort zu einem kurzem Ueberblick aber die Sebastians-Schützengilde, anknüpfend an die beiden Figuren am Rathause, deren eine die Figur des heiligen Sebastian darstelle. Gleichzeitig bemerkte er, daß in früheren Jahren jede fünfte Person in Beckum ein Schütze gewesen sei und daß alljährlich nach St. Lukas ein großes Volksfest gefeiert worden sei. Seit 1852 sei die Gilde, deren letzter König ein Herr Tenkhoff gewesen sei, langsam eingeschlafen. Herr Severin erklärt, es erhebe sich die Frage, ob man gewillt sei, diese alte Ueberlieferung fortzuführen und ob man jedes Jahr ein solches Fest feiern wolle. ... Auf Anfrage von Herrn Severin wurde festgestellt, daß die Versammlung durch die Einzeichnung die Gilde als konstituiert ansah. ... Zum vorläufigen Vorsitzenden wurde unter lebhaftem Beifall Herr Medizinalrat Dr. Heyne gewählt, zum Kommandeur Herr Franz Illigens, zum Schriftführer Herr Stadtsekretär Joseph, zu seinem Stellvertreter Herr Lehrer Schlenger, zum Rechnungsführer Herr Alb. Stein, zu seinem Stellvertreter Herr Georg Platz. ... Zum Schluß dankte der neue Vorsitzende dem Arbeitsausschuß, insbesondere Herrn Severin für die geleistete Vorarbeit. Die Ausführung des von den Erschienenen mit größter Begeisterung verfolgten Planes marschiert! Zum 4. Mai 1925 konnte die erste Generalversammlung der neuen Gilde einberufen werden: Mitglied der Gilde kann jeder 23 Jahre alte, männliche Einwohner der Stadt und des Kirchspiels Beckum werden, wenn er unbescholten ist, sich im Besitze der bürgerlichen Ehrenrechte befindet und nicht wegen Streitsucht und unordentlichen Lebenswandels der Aufnahme unwürdig erscheint. Die Anmeldung muß schriftlich beim Vorsitzenden, Herrn Kreismedizinalrat a.D. Dr. Heyne, erfolgen. Inzwischen hatten sich etwa 250 Interessenten zur Mitgliedschaft angemeldet, etwa 130 davon waren im Saal des „Goldenen Engel“erschienen. Wiederum wurde der Zusammenschluß aller Stände´und Berufe, die wohltuende Einigkeit der Schützenbrüder und die Überbrückung etwa bestehender Standesunterschiede und Gegensätze als kostbare Errungenschaft gewürdigt.


Man schritt nun zur Wahl des definitiven Vorstandes. Obwohl Herr Dr. Heyne glaubt, als „abgesägter“ (pensionierter) Beamter das Amt des ersten Vorsitzenden nicht weiter mehr übernehmen zu können, wirder nach begeisterten Worten der Herren H. Illigens und Rudolf Jürgens unter dem tosenden Beifall der gesamten Versammlung einstimmig wiedergewählt. Nach einigem Sträuben nimmt der alte Herr die Wahl an, und mit einem 3fach donnerndem Hoch auf die Gilde schließt der erste Akt der Wahlhandlung.Während Herr Dr. Heyne sich zu alt für den ersten Vorsitzenden hält, glaubt Herr Clemens Bomke, daß auch der stellvertretende Vorsitzende,für den er vorgeschlagen wird, in ähnlichen Altersverhältnissen stehen müsse wie der bereits gewählte Vorsitzende. Aber auch ihm hilft alles Sträuben nichts, man hat bereits zu sehr den Wert seiner Person innerhalb des Vereins schätzen gelernt, und so wird er mit überwältigender Mehrheit unter großem Beifall aller Schützen wiedergewählt. Der Kommandeur muß ein energischer, militärisch gedrillter Mann sein. Und als einen solchen erkennt man Herrn Ernst Bleckmann, der mit absoluter Mehrheit für diesen Posten gewählt wird. Da er nicht anwesend ist, teilt man ihm gegen Mitternacht per Draht die frohe Botschaft mit. Und er, der aus süßem Schlummer geweckt werden muß, nimmt die Wahl „telephonisch“ an.

Anschließend wurden die Bekleidungsfragen der Schützen erörtert, wobei sich bei der Auswahl des Schützenhutes eine längere Debatte entspann. Während der Vorsitzende einen Hut als offizielle Kopfbedeckung favorisierte, kam aus der Versammlung von Herrn Helmkesen. Der Vorschlag eines mit einem Eichenkranz geschmückten Zylinders. Denn nach den Angaben seiner 82jährigen Cousine sei ein solcher 1851 von den Beckumer Schützen getragen worden, deren Tradition man ja nun fortsetzen wolle. Das Für und Wider der sich anschließenden Diskussion wird ebenfalls ausführlich in der Zeitung protokolliert: Allerdings dürfte ein derartiges „Möbel“ zweifellos vornehm wirken, aber es ist doch nicht zu verkennen, daß ein Zylinderhut nach Beendigung eines Schützenfestes auf dem Heimwege unter Umständen allerlei Möglichkeiten ausgesetzt ist. Möglichkeiten, die die vornehme Form dieses Hutes durchaus gefährden können. So ein grüner „Försterhut“ verträgt derartige „Unfälle“ schon besser, denn für einen solchen entschied sich die Versammlung mit überwältigender Mehrheit. ... Wenn auch die Prüfungvder vier Musterhüte ... eine geraumevZeit in Anspruch nahm, so steht doch zweifellos fest, daß eine einzige Dame zehnmal so lange sich mit der Auswahl eines neuen Hutes abmüht, wie die einhundertneunundzwanzig Beckumer Schützen.


Weiterhin waren ein dunkler Anzug, möglichst Gehrock oder Cutaway, und eine weiße Hose vorgesehen. Um die Festlichkeit des Aufzugs zu erhöhen, sollen Kommandant und Adjutant beritten sein. Nach beschlossener Einteilung der Stadt in 3 Kompanien wurden deren Hauptmänner gewählt: Josef Renfert für die 1. Kompanie, Fritz Everke für die 2. Kompanie und Landrat Fenner von Fenneberg für die 3. Kompanie. Ein Festkomitee wurde bestimmt, das das erste Schützenfest vorbereiten sollte. Es wurde begangen vom 1. bis 3. August 1925.

Der Chronist der Beckumer Volkszeitung, offenbar selbst ein begeisterter Sebastianer, berichtet ausführlich:Damit das erste Wiegenfest auch äußerlich würdig gefeiert werden konnte, hatte man wochenlang vorher gedrillt. Die alten, schon etwas eingerosteten Knochen mußten wieder gelenkig gemacht, Haltung und Griffe geübt, und nicht zuletzt weiße Hosen gewaschen und geplättet werden. War auch der Name historisch und altehrwürdig, die Schützen selbst sollten ganz modern geschliffene Brüder sein. Am Samstag abend gegen 1/29 Uhr versammelten sich die drei Kompanien unter Führung ihrer Hauptleute auf dem Westenfeuermarkt, um dort die Lampen für den Fackelzug entgegen zu nehmen. Nachdem der Major, Herr Ferdinand Hessling, erschienen war, setzte sich der imposante Fackelzug durch die Weststraße an der altehrwürdigen Stephanuskirche vorbei durch Elisabethstraße, Soestkamp, Lippborger-, zur Oststraße in Bewegung. Wie wenn ein riesiges weißrotes Feuerband von Geisterhand gezogen würde, so schlängelten sich die weißroten Fackeln durch die abendliche Dämmerung. Hier und da grüßte von den Fenstern ein farbiges Lichtspiel, während dumpfe Böllerschüsse gleich Kontrapunkten die nächtliche Sphärenmusik unterstützten. In der Oststraße nahm der lange Lichterzug die markante Gestalt des Obersten, Herrn Kreis-Medizinalrat a.D. Dr. Heyne auf. Dann gings weiter durch die Wilhelm- und Kalkstraße hindurch bis zur Nordstraße, und weiter um den Marienplatz herum durch Alleestraße und Altbeckum (Pulort) wiederum zur Nordstraße, wo sich auf beiden Seiten eine lebende Mauer von Zuschauern gebildet hatte. Unter den Klängen der Stadtkapelle hielten die Schützen ihren Einzug im „Goldenen Engel“.Hier begann alsbald der Festkommers. ... Und nun nahm die Fidelitas erst recht ihren Anfang. Nacheinander sangen die einzelnen Kompanien ihr Schützenlied mit heller Begeisterung. Die eine suchte die andere zu übertrumpfen. ... Und ein dreifach brausendes Horrido auf den trefflichen Obersten, den wackern Major und die drei strammen Hauptleute durfte natürlich nicht fehlen. Der Schützenbruder Benno Teupe hatte an diesem Abend bereits Gelegenheit, sich als Zeremonienmeister aufs trefflichste einzuführen. Da die edlen Damen an diesem Kommers nicht teilnehmen konnten, wurde ihnen auf den Vorschlag des Zeremonienmeisters hin ein dreifaches Horrido dargebracht, das so mächtig laut erdröhnte, daß sämtliche Rundfunkapparate außer Tätigkeit traten. Die Feiern am Sonntag begannen mit einem Konzert am Marienplatz. Für solche Gelegenheiten fehlt es in Beckum an dem rechten „Gelände“, damit auch der „Flirt“ sich entfalten kann. Um 1.30 nachmittags traten die einzelnen Kompanien des Schützenbataillons mit klingendem Spiel auf dem Marktplatz ein, wo sie in zwei Gliedern rund um den Platz Aufstellung nahmen. Die Offiziere in Frack und weißer Hose. Alle im feschen, federgeschmückten Jägerhut. Und rings auf den Balkonen und Fenstern eine vielhundertköpfige Zuschauermenge. Der Oberst erscheint im Wagen, begleitet von seinem getreuen Paladin und Adjutant Clemens Bomke. Die Hindenburggestalt des Obersten schreitet die Front ab, während die Schützen sich schneidig präsentieren. Dann beginnt die Fahnenweihe. ... Hierauf nahm der Oberst das Wort zu einer kernigen Ansprache, die in ein Loblied auf Heimat und Vaterland ausklang. ... Mit aufrichtiger Begeisterung stimmte die vielhundertköpfige Menge ein und sang alsdann das Deutschlandlied. Dann setzte sich das Bataillon in Marsch und zog hinauf zum Höxberg.

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 07. Mai 2010 um 12:39 Uhr